Wieder ein Thema, auf das ich besser nicht gerade jetzt gekommen wäre….. Plácido Domingo. Aber was soll’s, spätestens nächste Woche hätte ich mich sowieso damit auseinander setzen müssen. Mein Vater will mit mir Bahn fahren. Nicht weit, nur die 15 Minuten nach Bielefeld, aus recht plausiblem Grund: Ich kann mich im November nicht einfach so in einen Zug nach Berlin setzten! Das sind drei Stunden, das geht nicht!
Mein Vater ist der Einzige, der mir auch nur den Hauch einer Chance einräumt, dass ich es schaffen könnte, Plácido in Berlin zu sehen, er wünscht es mir so sehr, seitdem ich angefangen hab, davon zureden, sagt er mir immer wieder, “das schaffst Du, das schaffst Du”!
Reden wir mal Tacheles! Die Sache ist absolut aberwitzig! Ich war seit 1996 nicht mehr aus diesem Ort raus, ja nie länger als maximal vier Stunden am Stück aus meiner Wohnung. Ich hab mir immer eingeredet, dass ich doch schließlich mit 17 allein nach London gezogen bin, ich war von allen in meiner Klasse die Selbstständigste, über mich hat schon mit 15 jemand gesagt, mich könne man auch mitten in China aussetzen, ich käme zurecht. Aber das war alles bevor ich krank geworden bin!!!!!
Als mein Vater von dem Zug-fahren-üben anfing, da hab ich zum ersten mal nüchtern überlegt, was es wirklich bräuchte, damit ich da im November nach Berlin könnte, und ehrlich gesagt, ich bräuchte zwei Wunder…..
1. Ich brauch mir garnichts weiter vorzumachen, es wird nicht allein gehen. Es ist garnicht mal unbedingt, dass ich für die Fahrt Jemanden bräuchte, nein, aber in Berlin, und vor allem in der Oper. Ich kann nicht 14 Jahre in einem Zimmer hocken und dann sowas allein durchziehen. Mein Problem ist nur, ich habe/kenne niemanden, der da mitkommen würde.
Das ist aber immer noch nichts im Vergleich zu dem 2. Wunder, das passieren müsste…..
Um die Simon Boccanegra Karte kaufen zu können, hab ich all meinen Schmuck verkauft, zwei paar Ohrringe, einen Ring, eine Kette und ein Armband. Woher ich das Geld für die Fahrt und die Übernachtugen kriegen soll, hab ich nie gewusst. Ich kann keins dieser Spartickets nehmen, weil da der Fahrtzeitpunkt im Vorraus festgelegt werden muss, dass kann ich schon mal garnict, und einfach hinfahren, in die Oper gehen und zurück fahren, das würde ich gesundheitlich nicht durchstehen, es würden also mindestens zwei Übernachtungen dazu kommen, und das möglichst nahe der Oper, damit ich als Beruhigung hätte, dahin “flüchten” zu können, falls es mir schlechter geht. Für all das hab ich nicht nur nicht genug Geld – ich hab überhaupt keins.
Wenn Sie das jetzt für selten dämlich halten – ich hab schon Wunder im Leben gehabt, sogar größere als das hier – und ich weiß seit ich fünf Jahre alt bin, dass ich Plácido sehen werde und wenn es , und dass meine ich wortwörtlich, das Letzte ist, was ich tue.
Als ich diese Karte in der Hand hatte, da hab ich kaum atmen können, alles drehte sich. Ich hab in dem Moment gewusst, dass mein Leben, wie es die letzten Jahre war, vorbei ist, es gab schon Tage, da hab ich bereut, sie gekauft zu haben. Mein Gott, ….. 33 Jahre! Es gab Jahre, in denen war es so dunkel, dass ich nicht mal mehr an ihn und an Oper und an all das dachte. Ich weiß, es klingt bescheuert, aber dieses Stück Papier war der größte Triumph den ich je hatte.
Entweder, ich kann da hin – das würde bedeuten, dass ich endlich gegen diese verdammte Krankheit gewonnen hätte.
Oder ich kann es nicht…..